Abschied von der Opferrolle. Das eigene Leben leben

Von Julia Koloda. Am Abend des 14.12.2016 im überfüllten Hörsaal der LMU gab es für mich mehrere denkwürdige Momente. Einer davon war: Verena Kast signierte nach ihrem Vortrag Bücher. Ein Zuhörer ging auf sie zu und sagte: „Frau Kast, vielen Dank für Ihren Vortrag. Wissen Sie, Sie sind für mich das Leben selbst.“ Er strahlte vor Freude, ließ sein Buch signieren und zog von dannen. Verena Kast ließ, so schien es, durch ihre heitere Präsenz und ihre klugen Worte die Ketten des Gefühls, Opfer zu sein, lockerer werden. Das Leben war das Thema des Vortrags, und zwar nicht irgendein Leben, sondern ein selbstbestimmtes Leben, jenseits der Opferrolle. Um dieses ging es bei dem Vortrag. Nicht im Kontext schwerer Traumatisierungen, sondern im alltäglichen Leben. Wir kennen das alle: Wir sind genervt, weil so viel zu tun ist und der Partner uns augenscheinlich im Stich lässt und die ganze Arbeit an uns hängen bleibt. Oder wir haben den Eindruck, dass wir in der Arbeit die Hauptlast tragen und sich sonst niemand um irgendetwas kümmert. Oder wir haben das Gefühl, dass sich alles gegen uns verschworen hat, der Staat, die Medien, unsere Nachbarn und wir fühlen uns als Opfer. Sich als Opfer zu fühlen, ist ansteckend! Wir hören wie schlecht es allen anderen geht und fangen langsam an, auch diese Perspektive einzunehmen. Was sich manchmal ja recht gut anfühlt, denn als Opfer haben wir auch eine gewisse Macht. „Es macht etwas her, ein Opfer zu sein“, sagt Verena Kast und erntet ein zustimmendes Grummeln im Hörsaal. Wir jammern und haben dann augenscheinlich Recht, den anderen Vorwürfe zu machen, dass sie uns zu Opfern machen. Noch schlimmer: wir erwarten von anderen, dass sie uns retten. Wir warten auf einen Versorger und Erlöser.
Woher kommt diese Bereitschaft sich als ein Opfer zu fühlen? Verena Kast erklärt es mit dem tiefenpsychologischen Konzept der Komplexe oder der internalisierten Szenen. Als Kind fühlt man sich oft als Opfer der Erwachsenen. Je öfter das Kind solche Situationen erlebt, je entwürdigender sich seine Beziehungen zu Erwachsenen gestalten, desto leichter wird es, sich im Erwachsenenleben als Opfer zu fühlen. Diese in der Kindheit erlebten Beziehungsmuster werden im Erwachsenenleben wiederholt, besonders in den Situationen, die mit Angst und Ärger verknüpft sind. Der nun Erwachsene wird nicht nur sich zum Opfer der anderen und der Umwelt machen, er quält sich auch selbst. Er wird Opfer und Täter zugleich.

Wege aus der Opferrolle – Über Angst und Ärger sprechen

Hinter dem Gefühl Opfer zu sein, liegen zwei wichtige Emotionen, die Entwicklungspotentiale enthalten, wenn wir sie ernst nehmen: Angst und Ärger.
Wir fühlen Angst, wenn wir uns bedroht fühlen, wenn da etwas Wichtiges in unserem Leben ist, das verloren gehen kann. Wir fühlen Hilflosigkeit und spinnen Bedrohungsphantasien. Zur Bewältigung dieser Angst ist es wichtig, mit anderen darüber zu sprechen. Wesentlich dabei ist es, nicht zu generalisieren und konkret zu benennen, wovon man momentan Angst hat. Eine weitere wichtige Bewältigungsstrategie ist die körperliche Dimension: Entspannung und Freude an der Bewegung.
Ähnlich wie bei der Angst geht es auch beim Ärger erst einmal um die Wahrnehmung dieser wichtigen Emotion. Wichtig deshalb, weil Ärger dann auftaucht, wenn jemand uns in unserer Selbsterhaltung und Selbstentfaltung beschränkt. Ärger ist eine Kraft, die dann destruktiv wird, wenn wir sie verdrängen. Wir müssen den Ärger wert schätzen, denn wer sich ärgert, „der glaubt, dass er die Welt noch verändern kann.“ Der Ärger soll ebenfalls kommuniziert werden. Wir sollen uns streiten, um herauszufinden, wo das Problem eigentlich liegt – nicht darum, Recht zu behalten.

Existentielle Zuversicht – Ressourcen bewusst machen

Um die Opferrolle zu verlassen, müssen wir uns klar werden, dass wir die Welt und das Leben nicht nur erleiden, sondern dass wir auch Ressourcen, dass wir Wünsche und Grundbedürfnisse haben. Man kann seinen Fokus auf folgende Fragen richten: Wo habe ich ein selbstverständliches Vertrauen ins Leben? Woran habe ich Freude? Freude ist deshalb so wichtig, weil sie die Emotion ist, die uns solidarischer mit anderen macht und freundlicher, uns selbst und den anderen gegenüber.

Es gut sein lassen – Krisen in Entwicklungsziele umformulieren

Wir können versuchen in Konflikten, in denen wir in eine Opferrolle gehen und uns ungerecht behandelt fühlen, es gut sein lassen. Nicht verzeihen und sich nicht zu versöhnen – was eine abschließende Lösung wäre, sondern „gut sein zu lassen“. Los-zu-lassen, sich dem Problem und dem anderen zu entziehen. Sich nicht durch schlaflose Nächte zu wälzen und Rachephantasien zu schmieden. Es ist wichtig, dass wir dem anderen keine Macht über uns zugestehen.
Nicht mehr ein Opfer zu sein, heißt in konkreten Situationen, die eigene Lage anzunehmen und die Krise in ein Entwicklungsziel umzuformulieren.
Wer Verena Kast zuhört, bekommt immer das Empfinden und die innere Gewissheit, dass das Leben leichter sein kann, als wir es uns normalerweise machen. Und dass wir viel dafür tun können.

Vortrag von Verena Kast im Rahmen der Reihe: „Täter oder Opfer sein? – Befragung eines Schemas“
Von Julia Koloda

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