Neues Sehen. Neuer Blick. Kunstdialog in der Pinakothek der Moderne

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Immer am ersten Samstag im Monat treffen sich im Rahmen unserer Reihe „Das Ewige im Jetzt“ Kunst und Theologie in der Pinakothek der Moderne oder im Museum Brandhorst zum Gespräch über Gegenwartskunst. Im Oktober ging es mit der Kunsthistorikerin Dr. Angela Opel und dem Theologen Olaf Stegmann um zwei Fotografieausstellungen, die aktuell nebeneinander gezeigt werden: Eine widmet sich der Fotografie der 20er, die andere der der 60er-70er Jahre. Der Vergleich ist hochspannend. Das Verbindende ist die Frage: Wie sieht das jeweils Neue Sehen aus und in welchen Kontexten entstand es?

Die frühen zwanziger Jahre sind einerseits durch die Traumatisierung des ersten Weltkriegs gezeichnet, andererseits entwickelten sie die kreativen Linien der fruchtbaren Zeit vor dem Weltkrieg weiter und experimentierten mit allem was bis dahin Fotografie ausmachte. Auffällig ist, dass viele Frauen sich dieser Kunstform bemächtigen, die noch so neu ist, dass man ohne die institutionalisierte Ausbildung in einer Akademie durch  Autodidaktik oder durch das Lernen bei anderen Fotografen tätig sein konnte. Wichtige Frauennamen sind: Aenne Biermann, Lucia Moholy, Florence Henri und Germaine Krull.

Die Fotografen dieser als „Neues Sehen“ genannten Richtung, versuchen experimentell die veränderte Atmosphäre ihrer Welt in die Motive und Stilmittel der Fotografie zu übertragen. Sie fotografierten bekannte Dinge aus einer unbekannten Perspektive. Sie schufen ungewöhnliche Kompositionen und thematisieren die Materialität der abgebildeten Dinge. Sie fingen die pulsierende Großstadt mit ihren Leuchtreklamen, Schaufenstern (eins der herausragenden Motive nicht nur der Fotografie, sondern auch der Literatur dieser Zeit) und der Industrie unter ungewöhnlichen Blickwinkeln ein. Die Fotografien erwecken den Eindruck der Suche. Diese experimentelle Fotografie war auf der Suche nach einer neuen Beschreibung der Welt um sie herum, weil die Welt sich verändert hatte. Und sie waren nah dran, sie waren am Puls der Zeit. Sie wollten wissen, wie man  diese Welt neu ausdrücken kann. Die alten Beschreibungen taugten nicht mehr. Man suchte auch nach einem Ort für den Menschen in dieser, sich so schnell verändernden Welt. Wie individuell und transparent sollen/können wir sein? Eine Frage, die nicht erst heute Menschen beschäftigt, sondern damals bereits hochaktuell war.

Manche Fotografien dieser Zeit bilden bekannte Objekte aus ungewöhnlicher Perspektive so ab, dass die Betrachter nur durch den Titel verstehen, was auf diesem Foto abgebildet ist. Wie zum Beispiel das Foto von Germaine Krull „Eiffelturm“. Wozu das? Zweierlei. Einerseits verdeutlicht dieses Bild unsere Begrenztheit, die in einer sich immer schneller drehenden Welt unsere Überforderung zugibt. Wir sehen so oft nur einen kleinen Ausschnitt der ganzen Sache, obwohl diese viel größer ist. Andererseits betont es die Schönheit eines Phänomens, die nur unter einem veränderten Blick aufscheint.

Und wie sieht der neue fotografische Blick auf die Welt in den 70er Jahren aus? Gibt es ihn? Wie sieht er die Gesellschaft, den Menschen, die Stadt? Die Fotografien, die in der Pinakothek der Moderne ausgestellt sind, zeigen Landschaften. Eigentlich ein klassischer Topos. Und man muss sehr aufmerksam hinschauen um zu sehen, dass die abgebildeten Landschaften Spuren von Menschen tragen. Es sind keine schönen Spuren. Bierdosen, Müll, unfertige Bauten. Menschen sieht man auf diesen Fotos nicht. Wir sehen nur ihre unsauberen Spuren, die Landschaft ist nicht mehr natürlich, wir sind in ihr nicht zuhause. Die Enttäuschung über die politischen Zustände lässt das Pathos der Dokumentarfotografie verfliegen. Der Anspruch, die Welt zu verändern, ist hier nicht mehr zu sehen. Neben diesen Natur-Landschaftsbildern finden wir auch Abbildungen der Stadt-Landschaft: Die amerikanischen Outskirts mit ihren Tankstellen, Motels und breiten Straßen. „Uncommon Places“ heißt die ausgestellte Foto-Serie von Stephen Shore, die völlig gewöhnliche Motive einer durchschnittlichen amerikanischen Stadt porträtiert. Das Banale, das Langweilige dieser Orte wird hervorgehoben. Die amerikanische Gesellschaft wird hier als eine auf die Mobilität und Freiheit ausgerichtete gezeigt und andererseits von Einsamkeit geprägt. Was ist das neue Sehen dieser Fotografien? Die Suche nach dem Ort für den Menschen, die in den 20ern mit der Suche nach ungewöhnlichen Perspektiven in der Stadt anfing, hat in den 70ern ihre Fortsetzung. Die Freiheit aber auch die Einsamkeit des Menschen wird von KünstlerInnen in diesen Fotografien reflektiert. Das neue Sehen wird so zum Sehen des modernen Menschen wie er ist, frei und unbehaust zugleich.

Beide Ausstellungen sind noch bis Januar 2017  zu sehen:

https://www.pinakothek.de/ausstellungen/neues-sehen-fotografien-der-1920er-und-1930er-jahre-aus-der-stiftung-ann-und-juergen

https://www.pinakothek.de/ausstellungen/reset-outskirts-randlagen

 

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