Lisz Hirn Gegenposition zu Matthias Horx: Ich fürchte, dass es im Leben nach der Krise zu einer eher noch größeren Beschleunigung kommen wird

Pressefoto_Variante5_Hirn_c_Harald_Eisenberger[0]

Die Welt nach Corona: „Wir werden nicht langsamer, sondern noch schneller leben“: ein Interview von Barbara Haas mit der Philosophin Lisz Hirn in der „Wienerin“.

Wie werden wir leben, wenn wir das Corona-Virus und Covid-19 hinter uns gelassen haben? Wie werden wir unsere Gesellschaft gestalten? Während Zukunftsforscher wie Matthias Horx ein positives Bild zeichnen, ist die österreichische Philosophin Lisz Hirn davon nicht überzeugt. Im Gespräch mit der WIENERIN erklärt sie, warum sie nicht an eine allgemeine Entschleunigung der Menschheit glaubt und wieso sie glaubt, dass aus der aktuellen Empathie und Solidarität schnell Frustration werden könnte.

WIENERIN: Frau Hirn, wir sind in der Corona-Krise und doch sieht man gerade jetzt viel Solidarität. Junge Menschen bieten Älteren Hilfe an, alle sitzen quasi im selben Boot. Ist diese Solidarität denn echt?

Lisz Hirn: Ja, alle sind betroffen, ich kann mich nicht abkapseln. Kann ich es übertragen? Kann es jemand in meiner Familie bekommen? Durch diese Betroffenheit sind die Solidarität und die Empathie größer. Aber ich warne auch vor zuviel Enthusiasmus, denn die Dauer der Pandemie spielt eine entscheidende Rolle. Aus dem Enthusiasmus kann schnell eine große Frustration werden, das sollte man im Auge behalten. Für einen langen Atem ist es wichtig zu sehen, dass es hier nicht um den Schutz von „Opa und Oma“ geht, sondern dass wir das System nicht überlasten. Ein System, das wir alle brauchen können, weil wir auch Unfälle haben oder andere komplexe Situationen eintreffen können. Die Sache so zu verkaufen, dass wir hier rein altruistisch handeln, halte ich für sehr gefährlich, denn Gefühle sind nicht so haltbar, wie die Einsicht, dass es einfach die einzig vernünftige Art ist, mit dem Problem so umzugehen.

Die Entschleunigung wird einerseits als notwendiger Zwang erlebt – die Wirtschaft dreht durch – aber andererseits jubelt auch gerade unser Planet. Was denken Sie über die globale Notbremsung?

Ja, es hat eine gewisse Ironie, wenn ich Fotos von Wildtieren auf Italiens Straßen sehe oder die fehlenden Schadstoffwolken über China, die jetzt wie weggeblasen sind. Dass wir uns so anders verhalten, weil es um ein Virus geht, aber eine Klimakrise war uns nicht bedrohlich genug, ist interessant. Und ja, ich wünschte mir, dass wir lernen würden umzudenken, aber ich befürchte, dass wir gerade in eine sehr erzwungene Art der Entschleunigung gedrängt werden. Ich erlebe es eher so, dass Menschen sich in To-do Listen flüchten und versuchen, Gewohnheiten zu simulieren. Ich fürchte, dass es im Leben nach der Krise zu einer eher noch größeren Beschleunigung kommen wird, damit wir schnell an den Punkt vor der Krise zurückkommen. Dass es Konjunktur gibt, dass die Rezession nicht zu groß wird und dass wir schnellstmöglich wieder so leben wollen, wie vor Corona.

Sie glauben also, dass wir das Verschnaufen nicht nützen, um das System zu überdenken, sondern mehr denn je weiterstrampeln?

Je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird es werden, diese Pseudo-Normalität und unsere Moral aufrecht zu erhalten. E-Learning und Home Office sind aber keine wunderbaren Dinge, sondern sie erweisen sich als eine extreme Herausforderung, vor allem für Familien. Ich denke daher es wäre wichtig, dass wir unsere Situation realistisch beurteilen und unseren Perfektionismus zurückschrauben. Von diesem Drang, alles gleich gut regeln zu wollen wie sonst auch, sollten wir rasch einen Schritt zurücktreten. Dann könnten wir tatsächlich Qualität in der Zeit finden, die wir jetzt „mehr“ haben. Ich will die Krise nicht schönreden, aber das wäre eine gute Gelegenheit, sich mit seinen Gefühlen und seiner Lebenssituation auseinanderzusetzen. Doch wollen wir das? Alle scheinen ständig auf Twitter, in den sozialen Medien zu sein. Ist es die Angst vor Einsamkeit oder Angst, was zu verpassen? Nebenbei gibt es auch bei vielen die berechtigte Angst, jetzt auf einmal wirtschaftlich nicht mehr gut dazustehen. Mir kommt nichts davon relaxt vor, ehrlich gesagt.

Kompensieren wir demnach unsere Ohnmacht?

Es ist doch für alle jetzt eine neue Realität, daher würde sich dieser Schritt zurück wirklich anbieten. Sich zu fragen, wie könnte man alternativ damit umgehen – mit Deadlines, mit Perfektionismus mit der Illusion, alles kontrollieren zu können. Wir sind verletzlich, als Menschen, als Körper, als staatliches System in einer hochoptimierten Welt. Es ist eine große Ego-Kränkung und eine enorme Herausforderung für uns alle und ja, es könnte eine große Chance sein, aber wie gesagt, ich bin da nicht so optimistisch.

Was würden wir denn gewinnen, wenn wir als Gesellschaft dieser Langsamkeit mehr Status geben würden?

Die Idee des guten Lebens? Wir könnten unsere Lebensqualität wesentlich erhöhen. Es könnte eine Chance sein, Menschen etwas anderes anzubieten, um sich zu verwirklichen, um sich kreativ auszudrücken und nicht nur um möglichst viel in seine Freizeit zu packen, denn das ist nicht unbedingt ein gutes Leben. Aber auch da bin ich nicht sehr optimistisch, weil sich das System, in dem wir sind, einfach sehr effektiv ist. Es bietet für die wichtigsten Bedürfnisse, wie Essen, Trinken, Sexualität und Spaß (noch) eine sehr schnelle Befriedigung. So schnell schaffe ich das mit einem qualitativ hochwertigen Leben aber leider nicht, Befriedigung ist nicht so leicht erreichbar, die braucht mehr Zeit.

Trotzdem noch eine Frage zum Systemwechsel: Glauben Sie, dass die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen vielleicht trotzdem bald mit „ja“ beantwortet werden kann?

Ich würde hoffen, dass die Diskussion noch einmal startet. Und wir sehen jetzt gerade, dass es eine riesige Personengruppe gibt, die eigentlich überhaupt nicht ausreichend abgesichert ist, nämlich beispielsweise viele Kleinunternehmen, EPUs und ein Gros der Kulturschaffen sowie Künstlerinnen und Künstler.

Noch eine philosophische Frage zur Faulheit zum Abschluss: Faul zu sein wird mit viel Skepsis betrachtet, weil man scheinbar nichts zur Gesellschaft beiträgt, doch diese Faulheit oder der Müßiggang war doch früher sogar eher Luxus – wann ist unser dieser Wert verloren gegangen?

Es ist schwierig den genauen Zeitpunkt festzumachen, aber man kann sich die Epochen ein bisschen abschauen. In der Antike wurde Muße so gesehen, dass man sich von den Notwendigkeiten befreien konnte, man musste also nicht selbst aufs Feld, sondern hatte das Privileg, die Zeit, nachzudenken. Das war Luxus. Im Gegensatz dazu hat das christliche Modell die Order „Bete und Arbeite“ ganz ins Zentrum gestellt. Die Botschaft dazu: Wer zu viel nachdenkt, könnte schwermütig werden oder auch auf gefährliche Gedanken kommen, das wurde als Bedrohung gesehen. Und in der modernen Arbeitsmoral, die stark vom Protestantismus geprägt wurde, ist dieses Bild durchaus weitergetragen worden. Also Fleiß, Leistung, immer einsatzfähig zu sein ist das Ideal, da hat die Faulheit freilich keinen Platz mehr. Die Frage ist nämlich: Wie ist der Wert der Faulheit messbar? Sich auszuklinken und mal zu schauen, was passiert, den Luxus zu haben, einmal nicht nützlich zu sein, das mutet ja schon unverschämt an. Was, wenn die Faulheit kein messbares Ergebnis zeitigt? Dann kann sie doch gar nichts wert sein. Solange wir nicht selbst eine Umwertung unserer Werte vornehmen, bin ich nicht sehr optimistisch, dass sich an der gesellschaftlichen Hierarchie von Arbeit und Faulheit etwas ändern wird.

Bild von Harald Eisenberger

Gesellschaft & Verantwortung
Religion & Philosophie
Persönlichkeit & Orientierung
Kompetenz & Kommunikation
Kunst & Kultur
Stille & Bewegung
Wege & Reisen
Gesamtprogramm