Konfuzius Erben? Blogbeitrag zum Vortrag am 29.10.2019

Hans van Ess

Am 29.10.2019 hielt Prof. Dr. Hans van Ess, Sinologe an der LMU, den Vortrag: „Konfuzius Erben? Die chinesische Gesellschaft und ihre geistesgeschichtlichen Grundlagen“ in der Evangelischen Stadtakademie München. Dieser Vortrag ist Teil der Reihe „China verstehen“, die die Stadtakademie zusammen mit dem BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Lehrstuhl für Sinologie konzipierte.  Ihr Ziel ist es, Chinas Denkweisen nachzuvollziehen und das Land so aus seinen eigenen Voraussetzungen zu verstehen.

Suche nach einem passenden Narrativ

Welche Rolle spielen der Konfuzianismus sowie andere geistesgeschichtliche Traditionen im heutigen China? Keine allzu große, meinte der Referent, der sich sowohl wissenschaftlich mit China beschäftigt als auch eine gute Kenntnis des Landes und der Menschen besitzt. Van Ess führte aus, wie sehr die intellektuelle und gesellschaftliche Elite Chinas im Laufe ihrer Geschichte darum gerungen hatte, ihre Position zwischen einer Öffnung gegenüber dem Ausland und dem Beharren auf der eigenen Tradition zu finden. Das marxistisch-leninistische Denken, das als hauptsächliches Narrativ die Zeit der Kulturrevolution prägte, war selbst nicht frei von der Sprache des konfuzianischen Stils. Die Zuordnung mancher Denkweisen zum sozialistischen oder konfuzianischen Denken ist daher nicht immer eindeutig zu entscheiden. In beiden hat die kollektive Ordnung Vorrang vor individuellen Freiheiten und gilt als deren Voraussetzungen.

Was sich veränderte

Seit der Erschütterung des sozialistischen Blocks auf der politischen Weltbühne und der Öffnung der chinesischen Regierung für einen anderen wirtschaftlichen Kurs, prägt die Rhetorik des Konfuzianismus immer mehr die politischen Motti und Losungen, ohne dass es aber um eine Wiedererrichtung des Konfuzianismus selbst ginge. Auf diese Weise möchte die Regierung einerseits der Bevölkerung suggerieren, dass die alte chinesische Tradition mit dem Sozialismus eine genuine Verwandtschaft verbindet. Andererseits eignet sich der Konfuzianismus als ein Fundus an säkularen, sehr praktisch ausgerichteten Handlungsmaximen hervorragend als eine Stütze in der gegenwärtigen Zeit, die durch die ungerechte Wohlstandsverteilung als ungerecht empfunden wird.

Rolle der Technik

Thema war im weiteren auch die Rolle der Technik in China. Die offensichtliche Affinität Chinas der Technik gegenüber erklärt Prof. van Ess durch das allgemeine Vertrauen in eine objektive Macht. So gilt das bei uns umstrittene „Social Scoring“ als objektive Instanz, die zu gerechteren Urteilen kommt als – möglicherweise korrupte – Menschen. Sehnsucht nach der objektiven Beurteilung durch eine solche Instanz lässt bei vielen keine Angst vor einer möglichen Manipulation durch die Technik aufkommen. Traditionelle Grundlagen hat eine gesellschaftliche Bewertung von Menschen in weit zurückreichenden Klassifikationssystemen, die Menschen in Kategorien einteilten.

Verhältnis zur Demokratie

Herausfordernd ist heute die Sicht der USA, Europas und des demokratischen Systems durch die chinesische Bevölkerung. Die Tendenz geht nach van Ess dahin, einen eigenen Weg zu suchen, da der Weg der Demokratien gerade als einer wahrgenommen wird, der zur Zerrissenheit der liberalen, westlichen Länder beiträgt und nicht fähig ist, „Harmonie“als großen Wert im chinesischen Denken zu verwirklichen.

Welcher Art diese Harmonie ist, darüber kann man allerdings viel diskutieren, sowohl innenpolitisch als auch im globalen Wettbewerb. Denn auch eine „harmonische Entwicklung“ Chinas in wirtschaftlicher Richtung wird einen Wettbewerb der Systeme erzeugen.

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