Heimat verlieren – Heimat finden – Heimat geben. Predigt von Jutta Höcht-Stöhr

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„Heimat verlieren – Heimat finden – Heimat geben“ – das ist der Dreiklang, unter dem dieser Gottesdienst steht. Eins fehlt in diesem Dreiklang: es ist das einfache selbstverständliche „Heimat haben“. 

Heimat ist etwas viel weniger Stabiles und Eindeutiges als wir früher vielleicht einmal gedacht haben. Sie ist zu einem großen Thema geworden in unseren Tagen. Nach Bayern und Nordrheinwestfalen hat nun auch der Bund ein eigenes Heimatministerium geschaffen. Warum ist das so? Weil Heimat gefährdeter ist als früher? Weil sich soviel im Umbruch befindet? Weil Veränderung so schnell geht und uns das seit Kindheit Vertraute verloren zu gehen droht? Weil die globale Welt so unübersichtlich geworden ist? Was aber ist mit Heimat gemeint?

„Heimat“, so Horst Seehofer, der neue Heimatminister auf Bundesebene, diese Woche gesagt, „ist der Ort, an dem wir uns zuhause und geborgen fühlen können.“ Wobei – auch das sagt der Minister – es völlig in Ordnung sei, dass viele Menschen mehrere Heimaten besäßen.

Dieser erste Ansatz des Heimatministeriums klingt nicht schlecht. Ganz pragmatisch beschreibt Horst Seehofer, was er tun will: „Wir haben einen Atlas erstellt mit wirtschaftlichen Kenndaten, um Regionen mit Handlungsbedarf zu identifizieren.“ Dieser Atlas wird dann eine Art Hausaufgabenheft für alle Ministerien: Wo fehlen Ärzte, Bahngleise, eine Hochschule? Damit Menschen in verschiedenen Regionen gut zuhause sein können. – Dagegen ist nichts zu sagen. Das klingt nach guter demokratischer Regierungsarbeit. 

Wenn das Sprechen von Heimat nicht noch eine andere, dunkle Seite hätte. In manchen Beschreibungen unserer Tage ist Heimat längst wieder zu einem Kampfbegriff geworden: Als etwas, das nur uns gehört und andere ausschließt. Das wir gegen Fremde, die nicht zu uns gehören, verteidigen müssen. Gegen Heimat als Ideologie müssen wir uns wappnen. Das können wir tun, indem wir unseren Blick weiten.

Wir haben hier keine bleibende Stadt“

Die Religionen etwa sprechen eine auffallend andere Sprache, wenn es um diese Frage geht. So heißt es im Hebräerbrief des neuen Testaments lapidar: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (13,14). Und Jesus sagt von sich selbst: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege“ (Matthäus 8,20). Unbehauster als die Tiere können Menschen sein. Die Matthäusgemeinde kann ein Lied davon singen: Rund um die Kirche schlafen viele Menschen ohne Zuhause.

Die Hebräische Bibel erzählt die Geschichte des Volkes Israel als eine zwischen Exodus und Exil. Dazwischen einige wenige Jahrhunderte der stabilen Staatlichkeit. Der Islam formuliert seine Ursprungsgeschichte als Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina. Und auf die Geburt Jesu in Bethlehem folgt unmittelbar die Flucht nach Ägypten, um dem Kindermord des Herodes zu entgehen. Jesus war ein Wanderprediger, und das Gottesvolk der hebräischen Bibel ebenso wie die Kirche haben die Bezeichnung, ein „wanderndes Gottesvolk“ zu sein. Das Bild der Bibel vom Leben ist ein bleibendes Unterwegssein. Wie geht das zusammen: Unsere Sehnsucht nach Heimat und unser bewegtes Leben?

Das erste, was uns überhaupt über den Abraham, den Stammvater unserer Religionen, erzählt wird, ist, dass er weg musste aus seinem Land, aus seiner Verwandtschaft und aus seinem Vaterhaus. Und dass er von da an ein ums andere Mal aufbrach und weiterzog: zuerst nach Kanaan, später wegen einer Hungernot nach Ägypten. Hatte Abraham Heimat? Er war Nomade. Für Nomaden sind normalerweise die Menschen, mit denen man lebt, Heimat – nicht ein Ort. Und der Gott der Nomaden ist kein Gott in einem Tempel, sondern ein „Gott, der mitzieht“. Verehrt wurde er nicht in einem festen Tempel, sondern in einem beweglichen Zelt, das man auf- und abbaut. 

Soviel hat sich nicht geändert seither: Junge Menschen heute müssen auf der Suche nach Jobs mobil sein. Deutschlandweit, europaweit, manche weltweit. Immer wieder erleben sie Unbehaustheit und müssen von vorne anfangen, wieder so etwas wie ein Zuhause herzustellen, eine „zweite und dritte Heimat“. Und mehr als 65 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht, vor Konflikten, Krieg und Not in dieser Welt.

„Was allen in die Kindheit schien, und worin noch niemand war: Heimat“ (Ernst Bloch)

Was kann angesichts all solcher Beschreibungen Heimat heißen? Kann es ein Ort sein, den wir sicher haben? Ganz sicher ist, dass Heimatgefühl etwas sehr Emotionales ist. Etwas, das an unsere frühesten Eindrücke vom Leben reicht. 

Am Freitag vor einer Woche hatten wir hier in München ein Konzert mit dem Pianisten Aeham Ahmad. Er ist bekannt geworden, weil er während des Syrischen Kriegs in den Ruinen des eingekesselten Yarmouk auf der Straße Klavier gespielt hat. Die Bilder sind über Facebook und Youtube damals um die Welt gegangen. Mit seiner Musik wollte er den Menschen, die in der zerstörten Stadt geblieben waren, Lebensmut geben. Nun hat er seine Lebensgeschichte in einem Buch aufgeschrieben. Und er erzählt darin zwei Szenen, die frühesten Erinnerungen an seinen Vater und seine Mutter, in denen aufscheint, was Heimat ausmacht:

„Wie alt war ich? Zwei? … Ich sehe ihn genau vor mir, diesen Morgen. Und darum sage ich: hier begann es. Und es begann mit Musik. Mein Bett stand unter dem Fenster, die Sonne schien herein. Schräg über mir lag mein Vater und spielte Geige. Ein süßer Duft wehte durch den Raum, vom Jasminbaum, der unter meinem Fenster wuchs, das Gurren der Tauben mischte sich in die Musik, von den Volieren nebenan. So hörte ich meinem Vater zu, klein, geborgen, glücklich“.

  • Der Inbegriff von Heimat: die Erinnerung an Gerüche, Klänge, Bilder und die Nähe eines bergenden Menschen.

Eine zweite Szene gibt es mit Aehams Mutter: „Auch von meiner Mutter habe ich ein frühes Bild und auch das erstaunlich scharf: Ich sitze im Kinderwagen, wir sind auf dem Markt von Yarmouk, meine Mutter hat mich zum Einkaufen mitgenommen. Die Rufe der Menschen, das Feilschen der Händler, die Gerüche nach Blumen und Fisch, Gewürzen und verfaultem Obst – und mittendrin ich, ein Prinz auf seinem winzigen Thron. Ich beobachte meine Mutter, wie sie von Stand zu Stand geht, hier die besten Paprikaschoten auswählt, dort die frischeste Petersilie. Dann schiebt sie mich zu einem Brunnen, nimmt einen Kamm mit Weintrauben und spült ihn im frischen Wasser. Sie beugt sind zu mir, steckt mir eine Traube in den Mund und sagt strahlend: „Habibi“, mein Liebling.“

  • Heimat, das ist das Gefühl von Geborgenheit, das ist, wo Menschen uns bedingungslos lieben, wo wir ganz selbstverständlich da sind und uns sicher fühlen können.

Ähnliche Erinnerungen werden sie in Ihrer eigenen Kindheit finden. Es hat viel mit Familie zu tun. Mit nahen Menschen. Dem ersten Zuhause. –  Und wenn man sie verliert? Wenn man wegziehen muss aus seinem Land, aus seiner Verwandtschaft und aus seinem Vaterhaus?

Wenn man die nächsten und liebsten Menschen zurücklassen muss oder gar verloren hat?

Auch Aeham Ahmad hat am Ende auf der Flucht vor Gewalt seine Heimat verlassen müssen und lebt nach dem langen Weg durch die Türkei, Griechenland und die Balkanroute heute in Deutschland. 

Kann man Heimat wieder finden? Neu finden? Trägt man etwas von der ersten Heimat als bleibende Erinnerung überall mit sich hin? Gibt es einem Stärke, wenn man sich erinnert? Oder nimmt es einem die Kraft, weil die Sehnsucht dann übermächtig wird?

Wie kann man es verbinden mit etwas Neuem, das vielleicht entstehen kann?

Zweite Heimat

Es gibt im Alten Testament einen Brief des Propheten Jeremia, der einer der stärksten Texte zu diesem Thema in der Bibel überhaupt ist. Im Jahr 587 vor Christus hatte der Babylonische Großkönig Nebukadnezar die Stadt Jerusalem im Sturm genommen, den Tempel geschleift und einen Großteil der Bevölkerung nach Babylon deportiert. Die lange Zeit des Babylonischen Exils begann. Aber natürlich wusste am Anfang keiner, wie lange es dauern würde. Viele machten Stimmung, dass man bald nach Hause zurückkehren würde. Jeremia aber gab einen anderen Rat. Ich lese aus Jeremia 29:

4 So spricht der HERR Zebaot, der Gott Israels, zu allen Verbannten, die von Jerusalem nach Babel verbannt worden sind: 5 Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! 6 Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären! Ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern. 

7 Suchet das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl! 10 Denn so spricht der HERR: Erst wenn siebzig Jahre für Babel vorüber sind, dann werde ich euch heimsuchen, mein Heilswort an euch erfüllen, um euch an diesen Ort zurückzuführen. 11 Denn ich weiß, was für Gedanken ich über euch denke – spricht Gott – , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. 

Gegen alle Hoffnungen auf eine rasche Rückkehr macht Jeremia eine Bleibeperspektive auf: Mindestens 70 Jahre sagt er, werde das Exil dauern. D.h. bei der damaligen Lebenserwartung: ein bis zwei Generationen. Niemand von den Menschen, die ins Exil mussten, würde selbst zurückkehren. Vielleicht nicht einmal ihre Kinder.

Die neuesten Nachrichten aus Syrien klingen noch schlimmer: Anfang April hat Baschar al-Assad ein Dekret erlassen, dass für die zerstörten Städte Neubaupläne erstellt werden. Aber nur, wer binnen 30 Tagen seinen Anspruch auf ein früheres Eigentum nachweisen kann, wird ihn behalten. 

Doch wie soll das gehen? 6 Millionen Syrer sind auf der Flucht. Wie sollen sie sich bei den Behörden melden? Wie sollten sie die Papiere haben, die sie bräuchten. In Wirklichkeit geht es darum, alle Oppositionellen auf Dauer aus dem Land zu verbannen, und die eigenen Anhänger zu versorgen.

70 Jahre oder noch länger? Vielleicht das ganze Leben? Was sind die Perspektiven für die Menschen im Exil heute? Ist ihre Heimat auf immer verloren? Was können sie tun? Jeremia entwirft ein großes Beheimatungsprojekt im Exilland. Und Besseres ist bis heute nicht gefunden worden.

Er versucht mit seinem Brief, die Lebensenergie zu wecken, auch im fremden Land. Das Beste, was sie tun können, ist: Neue Wurzeln schlagen, wirtschaftlich auf die Beine kommen, Häuser bauen, Gärten anlegen, Familien gründen und sich für das Wohl des Gastlandes engagieren. Denn auf dem Wohl des Gastlandes beruht für diese Generation auch das eigene Wohl. 

Es ist ein kluges Programm. Ein Programm voller Realitätssinn. Nur zusammen werden die Menschen im Exil und das neue Land Erfolg haben.

Die Aufgaben der Zeit: Heimat finden und Heimat geben

Jeremia beschreibt damit, was die Menschen tun können, die eine neue Heimat finden müssen. 

Er sagt leider nichts dazu, was es auf der anderen Seite heißt, Heimat zu geben. Was ist unser Part, der Part der Aufnahmeländer? Wie können wir es leichter machen, Heimat zu finden?

Ich glaube, es geschieht, indem wir unseren Wir-Begriff erweitern. Wir haben das oft getan. Denken Sie an Deutschland nach 1945. Das war eine relativ homogene deutsche Bevölkerung. Dann kamen die Aussiedler aus dem Osten. Später Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Türkei. Mit der EU begann die Freizügigkeit für Arbeitnehmer: Europa wurde immer mobiler. Und die Wiedervereinigung machte aus den Deutschen erneut ein größeres Wir. 

Wir haben unser Wir schon vielfach erweitert. Unsere Gesellschaft ist bunter geworden, interessanter, internationaler und damit auch leistungsfähiger. Das stellt uns vor Aufgaben, aber es weitet auch unseren Sinn für die Welt. Die anderen sind heute welche von uns. Sie bringen Erfahrungen mit, Fähigkeiten, Lebensweisen, Familiensinn. Sie bringen neue Geschmäcker, ihre Literatur und ihre Musik. 

Die Frage ist: Wie kann aus einer Fremdheitsgeschichte eine Liebesgeschichte werden? Durch gegenseitiges Interesse. Durch Kontakt. Durch Zuhören und Nachfragen. Durch Anteilnahme. Durch viel mehr Wissen. Durch Verstehen. Durch gemeinsames Erleben.

Heimat kann nur entstehen, wo wir einander aktiv Beheimatung geben. Das Geheimnis dazu hat Jeremia formuliert: „In ihrem Wohl liegt euer Wohl“ – das gilt wechselseitig.

In Ihrem Wohl liegt euer Wohl

Wir gehen auf die Landtagswahlen im Oktober zu. Die Parteien bringen sich in Stellung. Im Bemühen zu verhindern, dass die AfD zu stark zulegt, rückt die CSU derzeit nach rechts. Sie will um jeden Preis die Zahl der Abschiebungen erhöhen, um Handlungsfähigkeit zu zeigen. Und Familiennachzüge minimieren. 

Doch die Befriedung des Nahen und Mittleren Ostens bis hin nach Afghanistan wird noch lange dauern. 70 Jahre sind vielleicht auch hier keine übertriebene Perspektive. Menschen brauchen ihre Familie, um Heimat zu finden, um aus vollem Herzen hier zu sein und sich für das Wohl unseres Landes engagieren zu können.

Seien wir ehrlich mit uns selber und miteinander: Wir werden auf lange Zeit zusammen leben – wir und die Menschen, die ihre Hoffnung auf Deutschland gesetzt haben. Handeln wir so, das ihr Wohl zu unserem Wohl wird.

Denn über uns gemeinsam stehen die Worte, die Jeremia ins Exil geschrieben hat: Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch denke – spricht Gott –, Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. 

Menschen, die sich auf die großen religiösen Traditionen beziehen, bekommen ein sehr weites Bild von Heimat. Das Bild einer Heimat, die für alle erst in der Zukunft liegt und die nicht exklusiv ist, sondern am Ende die Menschheit umfasst.

Kleiner sollten wir von Heimat nicht denken. 

 

 

Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München

München, St. Matthäus, 6.5.2018

 

Textstellennachweis:

Aeham Ahmad, Und die Vögel werden singen. Ich der Pianist aus den Trümmern, S. 16 und S. 29.

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