Ende des Lockdown? An der Wende zur Öffnung

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Vielleicht haben Sie in den letzten Wochen den großeRoman von Albert Camus gelesen oder wieder gelesen: Die Pest. Wer ihn liest, findet in ihm in erstaunlicher Wiederkennbarkeit die Stufen der Ausbreitung einer Epidemie. In der algerischen Stadt Oran bricht in den 1940er Jahren die Pest aus. Auf die Phasen der Verharmlosung und Leugnung folgt die rasche Ausbreitung und irgendwann der Beschluss: Die Tore der Stadt werden geschlossen. Die gesamte Stadt wird von der Außenwelt isoliert, um eine noch weitere Verbreitung der Krankheit zu verhindern. Von April bis Februar – ganze zehn Monate – dauert diese Phase der Schließung, bis die Pest zurückgegangen ist und die Öffnung der Tore bevorsteht. Auf den letzten Seiten des Romans wird dieser Moment erzählt, wo die Züge wieder in die Stadt einfahren dürfen und die Menschen aus Oran voller Aufregung darauf warten, ihre Lieben von außerhalb wieder zu sehen.

Camus schreibt: „Auf diesem Bahnsteig, wo sie ihr persönliches Leben wieder anfingen, spürten sie noch ihre Gemeinsamkeit, als sie Blicke wechselten und einander zulächelten. Aber sobald sie den Dampf des Zuges sahen, erlosch ihr Gefühl des Exils jäh unter dem Ansturm verworrener, überwältigender Gefühle.“ Dieser Moment der Befreiung stellt noch einmal einen Moment der Gemeinsamkeit aller dar, die da über Monate eingeschlossen waren. Ihre gemeinsame menschliche Befindlichkeit der Gefährdung und der Solidarität. Danach kehren sie zurück in ihre sehr verschiedenen Leben. Es bleibt, schreibt Camus, die Erkenntnis und die Erinnerung dieser Zeit, der Zeit der Schließung der Stadt.

Es ist dieser Moment der Wende vom Lockdown des öffentlichen Lebens zu einer neuen schrittweisen Öffnung, dem wir uns in dieser Woche genähert zu haben hoffen. Beginnend mit dem Ostermontag, als die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ihre jüngste Stellungnahme zur nachhaltigen Überwindung der Pandemie veröffentlichte. Fortgesetzt mit den gemeinsamen Entscheidungen der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten am Mittwoch.

Vorsichtig sollen gesellschaftliche Bereiche nach und nach wieder geöffnet werden, um einen erneuten unkontrollierbaren Ausbruch zu verhindern. Mit Regeln der Hygiene und Distanz, die wir in den vergangenen Wochen eingeübt haben. Alle freuen sich auf diesen Moment der Befreiung. Zugleich stellt sich die Frage, was bleiben wird aus dieser sehr besonderen Situation der Schließung, die für uns alle eine Ersterfahrung war.

Es bleibt die Erfahrung, dass die Social Media, die in der Zeit davor v.a. wegen der Diskussion um Hassrede im Gespräch waren, wirklich zu sozialen, verbindenden Medien wurden, über die Vieles ausgetauscht wurde. Dass wir auch über Videokonferenzen, bei denen wir viel Reisezeit und Energie sparen, wirklich zusammen sein und miteinander denken, reden, arbeiten und lachen können.

Es bleibt die Erfahrung, dass das eigene Viertel wichtiger wurde: die Lebensmittelgeschäfte, die Obstund Gemüsehändler, die die Blumen des geschlossenen Blumenladens mit verkauften, die Buchläden, die Bestellungen annahmen und auslieferten. Es bleiben die Gesten der Solidarität bei der Unterstützung dieser lokalen Geschäfte. Und die Gesten der Solidarität nachbarschaftlicher Hilfe.

Es bleibt aber auch ein anderer Stil in der Politik und den täglichen Talkshows. Erstmals seit langem hatten wir das Gefühl, alle am Gespräch Beteiligten suchen konstruktiv miteinander nach wirklichen Lösungen. Selbstdarstellungen und billige Seitenhiebe waren auf einmal obsolet. Vor vier Wochen hätten wir uns einen solchen Politikstil nicht vorstellen können. Und die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stimmt ihm zu. PolitikerInnen, die in dieser unübersichtlichen Situation mit Umsicht agieren, gewinnen an Sympathie und Wertschätzung.

Was wird bleiben nach dem Wendepunkt zur Öffnung, auf den wir jetzt zugehen? Werden wir nahtlos zurückfallen in den Umgangsstil vor der Krise? Oder bleiben, wie es Camus schreibt „Erkenntnis und Erinnerung“ der Epidemie als einer Erfahrung, die uns alle in unserem Menschsein getroffen hat?

Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München

Kommentar „Zum Sonntag“ vom 18.04.2020 auf BR

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