Die Neue Rechte 2.0. Geschichte im Kontext

Volker_Weiss

„Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ –  Volker Weiß, Autor, Historiker, Journalist, Kenner der Akteure, Gedankenfiguren und Schriften der Neuen Rechten hat ein wichtiges Buch geschrieben, zur richtigen Zeit. Das zeigt sich nicht nur an den verkauften Exemplaren, sondern am vollbesetzten Saal der Evangelischen Stadtakademie, in dem er sich am Freitag, den 26.01.2018 der interessierten Öffentlichkeit stellte. Weiß verband an diesem Abend Vortrag mit Lesung.  Gerade die brillant frei vorgetragenen Zusatzinformationen machten den Abend so spannend.

Definition der Neuen Rechten

Die These von Volker Weiß ist, dass die Bewegung der Neuen Rechten, im folgenden auch als NR abkürzt, gar nicht neu ist. Die Neue Rechte bedient sich der Texte der nationalistischen Rechten der 1920er und 30er Jahre. Der Impuls zur Gründung einer Bewegung als „intellektuelle Elite“ erfolgte in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik. Heute speist sich die Bewegung aus unterschiedlichen Kreisen: enttäuschte CDU Wähler, Adel, Personen aus der Nähe des christlichen Fundamentalismus, Akademiker der unterschiedlichsten Fachrichtungen.

Akzentuiert grenzte Weiß die Neue Rechte durch drei Merkmale von ähnlichen Bewegungen klar ab:

Erstes Merkmal ist die theoretische Arbeit, die man in diesen Kreisen „Meta-Politik“ nennt. „Meta-Politik“ ist die kulturelle Vor-Arbeit, die notwendig für eine spätere erfolgreiche Realpolitik ist. Sie gilt als Voraussetzung einer „Kulturrevolution von Rechts“, die nach Auffassung der Neuen Rechten notwendig und unumgänglich ist. Mit dem Gedanken der Kulturrevolution geht ein Zerstörungspathos einher, das sich geistesgeschichtlich, wie andere Denkfiguren der Neuen Rechten, in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen einordnen lässt. Diese theoretische Ausrichtung ging bis in die jüngste Zeit mit einer verminderten Aktionsbereitschaft einher, was die Neue Rechte von „alten“ Neonazis unterschied.

Zweites Merkmal ist eine intensive internationale Vernetzung, die gewissermaßen aus dem intellektuellen Schwerpunkt resultiert. Bereits in der Gründungsphase ging die Neue Rechte eine enge Beziehung mit der französischen Rechten, „Nouvelle Droite“, und ihrem Hauptdenker Alain de Benoist ein. Die Internationalisierung zeigt sich ebenfalls an der Orientierung der NR an autoritären Regimen von Putin, Orban und in der jüngsten Zeit auch an der „Alternative Right“ in den USA.

Der vielleicht entscheidende Zug der Neuen Rechten ist, dass sie sich weniger an der Ideologie des Dritten Reichs als vielmehr am Kanon der Autoren des rechten Nationalismus der Jahre 1918-1932 orientiert.

Geschichte im Überblick

Seit der Kriegsniederlage 1945, so die Kernthese der Neuen Rechten, beginne der große Identitätsverlust der Deutschen. 1968 vertiefe sich dieser in Form des Verlustes der angestammten deutschen Werte. Als Gründungsimpuls für die Entstehung der NR diagnostiziert Volker Weiß das Jahr 1969, oder vielmehr die Tatsache, dass es in diesem Jahr der NPD nicht gelang, in den Bundestag einzuziehen. Daraufhin vollzog sich innerhalb der extremen Rechten ein Generationenbruch. Die jungen Rechts-Intellektuellen wandten sich von der alten Rechten der NPD ab. Die neue Generation wollte nicht mehr über die Niederlage von 1945 diskutieren, sie war nicht interessiert an politisch-wirksamen Aktionen, sie fing stattdessen an, Innendebatten in geschlossenen, der Öffentlichkeit entzogenen, elitären Zirkeln, in Zeitschriften und ThinkTanks zu führen, was eine rechte Politik sein solle. Armin Mohler, der in München auch als Geschäftsführer der Siemensstiftung und als Sekretär von Franz-Josef Strauß wirkte, gab mit seiner theoretischen Arbeit der Neuen Rechten ein neues Narrativ, das für ihre Selbstbestimmung von höchster Wichtigkeit wurde: die Theorie der „Konservativen Revolution“ sowie einen Theoriekanon der rechtsnationalen Autoren aus den Jahren 1918-1932. Durch die Erschaffung dieses Kanons erfand Mohler die Legende einer deutschen Rechten, die von 1918-1932 wirkte und dabei nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte. Damit vollzog er eine scharfe Scheidung des rechtsnationalistischen vom nationalsozialistischen Gedankengut. Diese Unterscheidung ist nach Volker Weiß nicht zulässig, auch wenn es in den Schriften der einschlägigen Autoren tatsächlich stellenweise so etwas wie eine Verachtung für den Nationalsozialismus gab. Nichtsdestotrotz gab es neben dieser Verachtung für den Faschismus deutscher Prägung eine regelrechte Bewunderung Benito Mussolinis, des Faschistenführers der Italiener. Zu Autoren, die Mohler in diesen Kanon einschließt, gehören bekannte Namen wie Oswald Spengler mit seinem „Untergang des Abendlands“, Carl Schmitt, dessen Ideen bis heute in Diskussionen der NR hochrelevant sind, und Ernst Jünger.

Einen Wendepunkt in der Politik erhoffte sich die NR nach der Verkündigung einer „geistig-moralischen Wende“ durch Helmut Kohl 1980 und nach dem Mauerfall 1989. Beide Male wurden die Erwartungen enttäuscht. Die Republik rückte nach links, 1998 kam eine rot-grüne Regierung. Der dritte Wendepunkt für die NR, der in der Gegenwart gesehen wird, führte sie allerdings zu einem vorläufigen Erfolg. Diese Wende ergab sich aus mehreren Faktoren: aus der Finanzkrise 2008, aus der Finanzpolitik der Rettungsschirme, aus der Flüchtlingskrise und aus dem, was Volker Weiß in seinem Buch den ‚Verlust der Contenance des Bürgertums‘ nennt. Es gelang dem kleinen Kreis der Neuen Rechten, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen und Strukturen zu schaffen, die den Demonstrationen der Pegida eine bestimmte Richtung gaben. Zudem nahm man strategischen Einfluss auf die Spitze der AFD. Die selbsternannte Elite hatte ihre Klausur verlassen und wurde aktiv.

Islam und Liberalismus – eine doppelte Feindschaft 

Volker Weiß macht einen Zwei-Fronten-Krieg aus, in dem sich die Neue Rechte sieht. Ein Feindbild ist der Islam. Traditionell wurde der Islam in der nationalrechten Szene als eine heroische Religion verehrt. Nachzulesen ist dies in „Erhebung wider die moderne Welt“ von Julius Evola aus dem Jahre 1935 oder beim NS-Publizisten Giselher Wirsing, der im Islam eine „Kriegerreligion“ sah.

Zu den heutigen Muslimen haben Denker der NR eine ambivalent gelagerte Beziehung. Sie werden als Feind betrachtet, weil sie als Eindringlinge in den Volksraum gesehen werden (das Gespenst des „Völkeraustauschs“ gehört hierher), als Gefahr, die zur Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse führen wird. Sie sind aber – gerade in ihrem Festhalten an ihrer eigenen, muslimischen, patriarchal geprägten Identität – eigentlich das Sehnsuchtsbild: „diese Fremden haben eine Identität, wir haben unsere verloren.“ Die Ambivalenz dieser Beziehung lässt sich weiterverfolgen. Die Abneigung gegen die Muslime ist keine grundsätzliche Feindschaft, das unterscheidet Teile der NR von vielen Rechtspopulisten. Der Anlass für die Aversion gegen den Islam bei der NR ist dessen Präsenz im europäischen Raum. Warum der Islam dort nichts verloren habe, wird durch eine der Kernthesen der Neuen Rechten erklärt: den Ethnopluralismus.

Ethnopluralismus

Die Säulen der Weltanschauung der Neuen Rechten sind Völker, Räume und Kulturen. In der Abgrenzung zu „alten“ rassistischen Vorstellungen, nach denen ein Volk mehr wert als das andere ist, vertritt die NR die Meinung, dass alle Völker gleich wertvoll sind. Die unterschiedlichen Ethnien sind somit kein Problem. Der Kern der These um den Ethnopluralimus ist, dass ein Volk jedoch eine spezifische Kultur schafft, die an ein Land gebunden ist. Das gilt als gut und förderlich, denn es erhalte die Völker in ihrem je spezifischen Charakter. Dabei wird in diesem Denken ignoriert, dass jeder Kultur Vermischung als ein Strukturprinzip inhärent ist. Im Klartext und auf die aktuelle Situation bezogen: Der Islam ist gut, wenn er in den Ländern bleibt, wo er zuhause ist. Die Theorie, die Völker, Räume und Kulturen zusammenschweißt, ist somit eine Variation der „Blut-und-Boden“-Thematik.

Der „absolute Feind“ der Neuen Rechten auf der anderen Seite, ist viel schwerer zu identifizieren und zurückzudrängen: die westliche Moderne. Dieser Feind ist unsichtbar, er steckt in den Köpfen, im Gesellschaftssystem, in der Wirtschaft, in der Kultur. Den müsse man sich von den „Knochen waschen“, da er, der westliche Liberalismus, die deutsche Identität vernichte. Er „vergifte“ die Moral und den Anstand des „natürlichen gesunden deutschen Geistes“, so die Argumentation im Denken der NR. Die islamische Einwanderung ist in dieser Logik nur eine Folge der langsamen „Vernichtung“ der deutschen Kultur durch den Amerikanismus, den man mit dem Liberalismus eng verwebt, der 1945 seinen Anfang nahm und seit 1968 wirkungsmächtig „den deutschen Menschen“ umgestaltet. Wenn man diese Denkfigur versteht, wird die mitunter irritierende Orientierung an und die Fixierung auf osteuropäische autoritäre Regierungen verständlich. Von ihnen verspricht man sich eine „Reinigung vom westlich-dekadenten Feind“ und eine „Erlösung vom Chaos der Moderne“.

Die AfD ist nicht die Neue Rechte, aber zunehmend von ihr beeinflusst

Volker Weiß setzt Neue Rechte und AfD nicht gleich, jedoch sieht er die Neue Rechte als Vordenker und Impulsgeber der AfD. Die Tatsache, dass Götz Kubitschek (mehr hier und hier) bei der „Erfurter Erklärung“ mitwirkte, die die Transformation der AfD  von einer Partei von Europa-Kritikern in eine völkisch-nationale Partei einleitete, bestätigt seine These.

Die AfD ist eine rechtspopulistische Sammelbewegung mit einem breiten Spektrum der verstreuten politischen Milieus, die in Deutschland z.T. schon lange Zeit vor der AfD bestanden. Die Milieus reichen von christlichen Fundamentalisten, verbunden mit bestimmten Adelskreisen, über Skeptiker an der Europapolitik bis hin zum klassischen national-konservativen Flügel der CDU, der sich von der sich modernisierenden Partei abgestoßen fühlte. Die Neue Rechte nimmt einen starken Einfluss auf die AfD, der eine Radikalisierung der Mitglieder nach sich zieht.

Volker Weiß machte an diesem Abend das, was man von Wissenschaftlern in diesen Zeiten erwarten würde: nicht polemisch, sondern analytisch scharf sezierte er das Denken der Neuen Rechten, zeigte, woher sie ihre Denkfiguren haben, entwirrte die Argumentationen, stellte Ereignisse in ihre geistesgeschichtliche Kontexte.

Man ging aus der Veranstaltung klüger und beunruhigter.

Volker Weiss: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017.

 

Julia Koloda

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