Die Macht des Worts und der unabschließbare Dialog

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Abschiedspredigt  von Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München und Pfarrerin an St. Matthäus.

„Wohlan, all ihr Dürstenden, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt ohne Geld, kauft Getreide und esst ohne Bezahlung Wein und Milch! Warum wägt ihr Silber, für das, was kein Brot ist, und gebt euer mühsam Erworbenes für das, was nicht sättigt.

Hört doch auf mich, und ihr sollt das Beste essen und eure Seele soll sich am Fett laben. Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben.

So spricht Gott: Gleich wie Regen und Schnee vom Himmel fallen und dorthin nicht zurückkehren, ohne die Erde zu tränken, zu befruchten und sie sprossen zu lassen, so dass sie Samen den Säenden und Brot den Essenden gibt, so verhält es sich mit meinem Wort, das aus meinem Munde hervorgeht: Es kommt nicht leer zu mir zurück, ohne vollbracht zu haben, was ich wollte und ausgeführt zu haben, wozu ich es sandte.

Fürwahr, mit Freude werdet ihr ausziehen und in Frieden geleitet werden.“
(Jesaja 55,1-3.10 – 12a)

Nun ist es so weit: dies ist meine letzte Predigt als Pfarrerin der Matthäuskirche in München.

Predigen kann ich auch danach noch. Aber ich werde kein Kanzelrecht in St. Mätthäus mehr haben. Dieses steht nur den angestellten Pfarrerinnen und Pfarrern dieser Kirche zu. „Kanzelrecht“ was für ein Wort. Regina Moths, literarisch beschlagene Buchhändlerin, beeindruckte dieses Wort so sehr, dass sie nie fragte: „Wann predigst Du wieder?“, sondern: „Wann hast Du wieder Kanzelrecht“?

Orte des Worts 

Es gibt zwei Orte des Worts, die mir in den letzten fast 20 Jahren anvertraut waren: Das Rednerpult der Evangelischen Stadtakademie München in der Herzog-Wilhelm-Straße, und die Kanzel von St. Matthäus. Und ich habe den Wechsel zwischen beiden geliebt:

Den offenen Diskurs, den Austausch der Sichtweisen, die Kontroverse und den lebendigen Streit in den Räumen der Stadtakademie.

Und das Eintreten in diesen ruhigen hohen weiten Raum der Kirche mit ihrem architektonischen Schwung am Sonntagmorgen. Den Ort des zu sich Kommens und vor Gott Kommens. Den Ort, an dem eine andere Gattung von Worten ihren Raum hat: das Lesen der uralten biblischen Texte, das Gebet und die Stille, der Gesang, der die Herzen erheben soll, die wortlose Kunst der Musik. Und eben die Predigt, die Orientierung für heute geben soll.

An beiden Orten, der Akademie wie der Kirche, gilt nichts als die Macht des Wortes. Es gibt keine andere Autorität. Das Wort muss gewinnen und überzeugen, es muss den Widerspruch formulieren, der nicht überbrückbar ist und ausgehalten werden muss, es muss klären, was der Fall ist und wahr. Es soll aber auch etwas bewirken: Hoffnung nähren und Zukunft eröffnen.

Der Text, den Sie eben in der Lesung gehört haben, ist einer der stärksten Hoffnungstexte der hebräischen Bibel. Es ist der Schluss des Buches Deuterojesaja, eines anonymen Propheten, von dem wir nur wissen, dass er gegen Ende des Babylonischen Exils im 6. Jahrhundert auftrat. Er musste die Menschen nach 60 Jahren Leben im Exil wieder in Schwung bringen. Denn der Perserkönig Kyros ließ sie zurückkehren nach Hause. Aber sie mussten auch aufbrechen.

Damit er die Aufmerksamkeit seiner Hörer gewinnt, wählt der Prophet die Gattung des Marktschreiers:

„Auf, ihr Dürstenden, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt ohne Geld, esst ohne Bezahlung Wein und Milch!“

Es geht um etwas, das Durst und Hunger stillt, aber nicht für den Magen, sondern für die ausgehungerte und durstige Seele. Es geht um Worte, die nähren.

„Höret auf mich und ihr sollt das Beste essen. Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben.“

Dass die Seele aushungern und austrocknen kann, das haben wir in den letzten Monaten des Lockdowns mehr und mehr erlebt. Wenn uns kein Fest mit Freunden, kein Restaurantbesuch, kein Kunsterleben, kein Erkunden ferner Länder erfüllt, dann zehrt unsere Lebendigkeit – oder wie es eben in alter Sprache heißt: unsere Seele – nach und nach aus. Und es waren nur Monate, keine 60 Jahre.

Der Exilsprophet hat nur Worte zur Verfügung, aber die sollen die Seele wieder in Schwung bringen. Er hat dafür nichts als Worte. Aber diesen traut er alles zu.

Die Macht der Worte

Wir leben in einer Zeit, die uns die Macht des Worts und der Worte deutlich vor Augen geführt hat:

Da war der 6. Januar in den USA. Das bis dahin Unvorstellbare: Der Sturm aufs Herz der Demokratie, das Kapitol in Washington. Vorbereitet und getrieben durch Worte eines US-Präsidenten, der nicht verlieren konnte, der weder das Votum der Wähler, noch den Spruch der Gerichte achtete. Die Lüge, die Hetze, der Hass – sie alle haben gezündet in diesem Moment. 

Und da war der 20. Januar am selben Ort. Die Inaugurationsrede des neuen US-Präsidenten, Joe Biden, nach der es hieß: „Decency and dignity are back!“ – „Anstand und Würde sind zurück“. Zurück auf der politischen Bühne mit dieser Rede. 

Die größte Aufmerksamkeit allerdings zog an diesem Tag nicht die Rede des Präsidenten, sondern ein Gedicht auf sich, von dem es hieß: „Die 22-jährige Dichterin Amanda Gorman bringt die stocksteife Veranstaltung innerlich zum Tanzen. Mit einem Gedicht, das eher Rap ist als Hymne. Und mit Hoffnung“. „Sie verkettete Reime, spielte mit Alliterationen, Klängen, Doppeldeutigkeiten und trug das so nach vorne drängend vor, dass man sich auch weit von Washington im Sessel festhalten musste“. (Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung, 21.01.2021)

So stark können Worte bewegen. Sie werden ausgesandt und sie zeugen, wozu sie gesandt sind – im Guten wie im Bösen.

Das freie Wort ist die größte Macht, die uns gegeben ist. Darum schränken Diktatoren zuerst die Rede- und Pressefreiheit ein. Und das Herzstück der Demokratien sind die Parlamente, die Orte des Worts. Ihr Name kommt vom französischen „parler“, dem Sprechen, der Kunst der Rede. Wer nicht durch Worte überzeugt, findet keine Mehrheiten in der Demokratie. Das macht sie manchmal langsam und, wie uns scheint, weniger effektiv als Systeme, deren Regierungen durchgreifen können. Aber es sichert unsere Freiheit. Ohne unsere Zustimmung bleiben alle Worte der Welt ohnmächtig.

Zwischen Rednerpult und Kanzel

Nun habe ich gesagt, dass mir zwei Orte des Worts anvertraut waren: das Rednerpult in der Stadtakademie und die Kanzel in St. Matthäus. Ist das Wort unterschiedlich an beiden Orten? Ein demokratischer Austausch menschlichen Wissens und Fragens dort, und ein mit Autorität vorgetragenes göttliches Wort hier?

Von der Kanzel darf nicht jeder sprechen. Zwar gibt es die Gattung der Kanzelrede außerhalb des Gottesdienstes. Die Kanzelrede dürfen auch nicht ordinierte Redner*innen halten. Die Evangelische Akademie Tutzing pflegt diese Gattung auf der Kanzel der Schwabinger Erlöserkirche. Und wenn die Filmemacherin Doris Dörrie oder die Direktorin des NS Dokumentationszentrums, Mirjam Zadoff, dort sprechen, kann es mehr aufhorchen lassen, als wenn wir bestallten Theologen das Wort ergreifen.

Als aber Imam Benjamin Idriz in einem Gottesdienst die Kanzel von St. Lukas überlassen wurde vor einigen Jahren, gab es einen Skandal. Darf ein Muslim in einer Kirche das Wort Gottes verkündigen?

Was ist es, was hier geschieht, in der Rede im Gottesdienst auf der Kanzel? Hat das eine andere Autorität als die Rede im Auditorium einer Akademie? Ist dort Rede und Gegenrede gefragt und hier das gläubige Hören? Was ist das „Wort Gottes“, das hier verkündet wird? Was sind Heilige Schriften, aus denen hier gelesen wird? 

Faktisch sind Heilige Schriften die Gründungsurkunden der großen Buchreligionen: Die Tora im Judentum, die Bibel im Christentum, der Koran im Islam. Aber was ist ihr Charakter?

Wenn Sie Theologie studieren, lernen Sie im ersten exegetischen Proseminar, dass die Heiligen Schriften in sich voller Widersprüche und widerstreitender Meinungen sind. Dass in einen ursprünglichen Text Passagen eingefügt wurden, um auch eine abweichende Meinung zu Gehör zu bringen. Dass Kommentare des Widerspruchs eingearbeitet wurden. Dass es Brüche im Text gibt. Dass es auch gleich zu Beginn zwei Schöpfungsgeschichten gibt, die überhaupt nicht zur Deckung zu bringen sind.

Wenn Sie eintauchen in die Welt der Heiligen Schriften, finden Sie in diesen selbst das ganze lebendige Miteinander von Spruch und Widerspruch, Interpretation und Auslegungsgeschichte. Die Heiligen Schriften geben in den wenigsten Fällen eine autoritative Botschaft, sondern sie eröffnen ein Feld religiösen Nachdenkens. Sie geben den Anlass, einen unabschließbaren Dialog über die grundlegenden Fragen unseres Lebens zu führen. Alle zusammen eröffnen sie ein Parlament der Weltreligionen.

„Meine Kinder haben mich besiegt“

Im Talmud, der gesammelten Auslegungstradition der Tora, gibt es eine Geschichte, die uns zeigt, wie das Judentum mit den Heiligen Texten umgeht: In einer bestimmten Auslegungsfrage waren die Rabbinen unterschiedlicher Meinung. Rabbi Elieser widersprach allen anderen. Nachdem keines seiner Argumente die anderen überzeugte, versuchte er es mit Wundern: „Wenn die Tora meiner Meinung entspricht, so mag das dieser Johannisbrotbaum beweisen!“ Da rückte der Baum 100 Ellen von seinem Ort fort. Aber seine Kollegen fanden, dass Wunder keine Autorität haben. Da erklang plötzlich eine Stimme aus dem Himmel: „Was habt ihr gegen Rabbi Elieser? Die Weisung ist stets wie er.“

Da stand Rabbi Jehoschua auf und sprach: „Die Tora ist nicht im Himmel“ (5. Buch Mose 30,12). „Die Tora ist bereits vom Berg Sinai herabgegeben worden. Wir achten nicht auf die Stimme vom Himmel, denn bereits am Berg Sinai hast Du in die Tora geschrieben: ›Man muss sich nach der Mehrheit richten‹“ (2. Buch Mose 23,2). Damit wurde nicht nur Rabbi Elieser, sondern auch Gott von den anderen Rabbinern einfach überstimmt. 

Im Talmud heißt es von der Reaktion Gottes auf diesen Vorgang: „Er schmunzelte und sprach: ›Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.“

Nach dieser talmudischen Geschichte freut sich Gott darüber, dass die Menschen ihn mit den Mitteln geschlagen haben, die er ihnen selbst an die Hand gegeben hat: die Mittel der Diskussion, des Streits und der demokratischen Abstimmung. Die Tora ist nicht im Himmel, sondern sie ist in der Hand der Menschen. Es liegt an ihnen, sie auszulegen.

Der unabschließbare Dialog

Es gibt keine höhere Autorität als das Gespräch der Menschen untereinander. Dieses Gespräch fängt aber nicht bei Null an. Es bezieht sich immer auf die Menschheitstraditionen. Diese muss man kritisch lesen. Selbst die Heiligen Schriften. Denn auch sie enthalten eben Widersprüche und Zeitgebundenes in sich. 

Auch die talmudische Geschichte übrigens muss man kritisch lesen: Sie zitiert aus dem Buch Exodus die Weisung: „Man muss sich nach der Mehrheit richten“. Aber wenn sie an der Stelle im Buch Exodus nachschlagen, werden Sie sehen, dass das da so gar nicht steht. Vielmehr steht da: „Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen zum Bösen und bei einem Rechtsstreit nicht so aussagen, dass du dich nach der Mehrheit richtest und das Recht beugst.“ (Exodus 23,2). Es gibt bereits nach dieser frühen demokratischen Weisung also ein Korrektiv auch für die Mehrheit, und das ist menschlich Gute und das Recht. Spannend, all dies zu entdecken! 

Die Heiligen Schriften, eröffnen das Feld für ein unabschließbares Gespräch, ein nie endendes Suchen, Nachdenken, Lernen, Weiterentwickeln. Die großen Räume der Kirchen geben diesem Gespräch Raum. Und die Predigt hält dieses Gespräch in Gang. Und warum sollte nicht auch einmal ein Rabbiner oder ein Imam an dieser Stelle von der Kanzel gehört werden können?

Der Philosoph Jürgen Habermas, Theoretiker des kommunikativen Handelns und des herrschaftsfreien Diskurses, hat in seinen späten Jahren viel über den Stellenwert der Religion im demokratischen Gespräch nachgedacht. Er sieht für die Philosophie die Aufgabe, das Wissen der Religionen, soweit es für die Moderne relevant ist, in vernünftige Argumente zu übersetzen. 

An einer Stelle schreibt er: „So glaube ich nicht, dass wir als Europäer Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Person und Individualität, Freiheit und Emanzipation … ernstlich verstehen können, ohne uns die Substanz des heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft anzueignen.“ 

Er ist also der Überzeugung, dass man die wichtigsten Begriffe unseres europäischen Selbstverständnisses wie Freiheit und Person ohne die großen Erzählungen der jüdischen und der christlichen Tradition nicht wirklich verstehen kann. 

Dabei gilt ihm: „Andere finden von anderen Traditionen aus den Weg zur vollen Bedeutung solcher, unser Selbstverständnis strukturierenden Begriffe.“  Er ist aber überzeugt: „Ohne eine sozialisatorische Vermittlung und ohne eine philosophische Transformation irgendeiner der großen Weltreligionen“ könnten diese Begriffe eines Tages unzugänglich werden. (Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze, stw 1992, S. 23)

Diese Übersetzungsarbeit zwischen den großen Erzählungen der Religionen und der heutigen Lebenswelt ist die Arbeit des Predigers und der Predigerin. Es darf keine Sonntagsrede bleiben, sondern muss im Alltag Bestand haben. Und weil nicht alles in 20 Minuten einer Predigt gesagt werden kann, und weil eine Predigt über alles gehen darf, aber nicht über 20 Minuten, gibt es die Vorträge und Diskussionen in der Stadtakademie. 

Aber im Prinzip sind beide demselben Anliegen verpflichtet. Und ich habe hier in der Kirche nie anders gesprochen, als im Diskursraum Akademie. Nicht schonender. Aber ich hoffe: immer mit Herzenswärme.

Am Ende: Das Schmunzeln Gottes

Lassen Sie mich zum Schluss zurück kommen auf die talmudische Geschichte. An ihrem Ende steht das Schmunzeln Gottes: Er lächelt, weil seine Kinder ihn mit der Macht des Arguments und der Kraft des freien Worts in die Schranken gewiesen haben. Gott freut sich also an der Souveränität seiner Geschöpfe. 

Über sich selbst lächeln zu können, ist der Ausdruck der eigenen Selbstrelativierung. Es ist ein Ausdruck innerer Freiheit. Nach dem Talmud ist es eine zutiefst göttliche Eigenschaft.

Aus welchen Gründen auch immer ich den Beruf einer Pfarrerin gewählt habe – wer ist sich schon ganz sicher im Blick auf seine letzten Beweggründe – ich habe diesen Beruf zunehmend geliebt. Den unabschließbaren Dialog zu pflegen in unserer Gesellschaft zwischen den grundlegenden Texten unserer Kultur und den ganz aktuellen Fragen unserer Zeit, mit Ihnen allen zu suchen, was unseren Durst nach Leben stillt und wie wir aufleben als Individuen und als Gesellschaft, das finde ich ein wunderbares Berufsbild. Dass ich dies leben durfte, dafür bin ich heute am Ende meiner Berufstätigkeit unendlich dankbar.

Möge es für Sie und für mich so sein, wie der Prophet sagt: „Mit Freude werdet ihr ausziehen und in Frieden geleitet werden.“

Sonntag, 28.02.2021

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