Der Fall Relotius und der deutsche Journalismus. Nachbericht aus der Veranstaltung

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Moreno: Es gibt „Überangebot an Geschichten“

München (epd).  Einen „Terror des Narrativ“ in der Gesellschaft hat der Reporter Juan Moreno moniert. Im Ringen um die Aufmerksamkeit von Lesern und Konsumenten werde heute „überall nach Geschichten gesucht“, sagte der freie Journalist, der die Relotius-Affäre beim „Spiegel“ aufgedeckt hat, am Mittwochabend in der Evangelischen Stadtakademie in München. Es gebe ein „Überangebot an Geschichten“, die gerade Unternehmen mitlieferten, „wenn sie einen Joghurt oder eine Sandale verkaufen wollen“, sagte Moreno im Gespräch mit dem Journalismusdozenten Peter Linden.

Geschichten erzählen ist „etwas Urmenschliches“

Laut Linden ist das Geschichtenerzählen „etwas Urmenschliches“, weswegen die Reportage als Form nicht diskreditiert werden dürfe. Im Journalismus gelte es dabei, klar zwischen Realität und Fiktion zu trennen. Allerdings werde auch dort bisweilen nach einer Art Drehbuch verfahren, sagte Moreno, der über den Fall Relotius das Buch „Tausend Zeilen Lüge“ geschrieben hat. Sein „Spiegel“-Auftrag in Mexiko, wo er bei einem Flüchtlingstreck recherchierte, sei gewesen, die „erwartbare“ Geschichte der jungen Frau mit Kindern zu erzählen – weil sie aufgrund ihrer Emotionalität kalkulierbar beim Leser verfange. Dabei sei das nur eine von vielen „wahren Perspektiven“ auf das Thema.

Geistige Leistung muss fair entlohnt werden

Linden appellierte an die Verantwortung des Medienpublikums, sich nicht nur aus einer Quelle zu informieren, sondern verschiedene Perspektiven wahrzunehmen. So entstehe „ein objektiveres Bild“ von Wirklichkeit, sagte er. Journalismus lebe nach wie vor vom Vertrauen der Menschen, allerdings brauche dieses „eine wirtschaftliche Gegenleistung“. Schlecht bezahlte freie Journalisten im Gratis-Onlinegeschäft könnten nicht gut arbeiten. Es müsse die Bereitschaft wachsen, für geistige Leistung Geld zu bezahlen.

Strategien von Relotius

Nachdem ein Reporter die Fakten recherchiert habe, müsse er sie dramaturgisch​ so zusammenfügen, „dass der Leser gepackt wird“, berichtete ​Moreno. ​​In der Regel gebe es das Material jedoch​​ nicht her, Geschichten im Hollywood-Stil zu erzählen: mit Gut-Böse-Charakteren, eindeutigen Handlungszusammenhängen und vorhersagbaren Entwicklungen. Relotius jedoch habe in seinen Fälschungen dieses Schema „gnadenlos übertragen“ und etwa in einem Artikel über einen Jungen, der angeblich mit einem Graffito den Syrienkrieg ​ausgelöst hat, ​​diesen „in 15 Minuten Lesezeit komplett erklärt“.

​Relotius, der ​​menschlich „sehr gewinnend“ auftrete, habe in seinen Texten starke Kausalbeziehungen erfunden – weil er um das Bedürfnis der Menschen nach einfachen Erklärungen gewusst habe. Dabei sei die Realität oft nicht schwarz-weiß, sondern grau und komplex, sagte Moreno. „Darum macht uns das Coronavirus Angst: weil wir nicht wissen, wer schuld ist.“ ​​Relotius habe jedoch keine politische Agenda gehabt: „Er wollte keine andere Öffentlichkeit herstellen, sondern Erwartungen beliefern.“

Wir brauchen mehr Demut

Um Vertrauen herzustellen, müsse der Journalist dem Leser „versprechen, es möglichst gut zu machen“, sagte Moreno. Eine „Dusche Demut“ tue nicht nur dem Journalismus gut – er glaube, „dass wir als Gesellschaft mit ein bisschen mehr Demut ein bisschen weiter kämen“. Moreno, der von der Branchenzeitschrift „Medium Magazin“ zum „Journalisten des Jahres 2019“ gekürt worden ist, will nicht länger als „Relotius-Aufdecker“ auf Tour gehen, sondern wieder normal als Reporter arbeiten. Aus der Klagedrohung von Relotius‘ Anwalt gegen Passagen seines Buchs habe sich bislang juristisch nichts entwickelt.

Der ehemalige Star-Reporter und vielfache Preisträger Claas Relotius hatte über Jahre zahlreiche Reportagen insbesondere für den „Spiegel“ durch Erfindungen gefälscht. Moreno hatte ihm hinterherrecherchiert und ihn der Hochstapelei überführt; im Dezember 2018 wurde der Skandal öffentlich und löste beim „Spiegel“ eine schwere publizistische Krise aus. Vor wenigen Tagen legte das Nachrichtenmagazin als Konsequenz neue redaktionelle Standards vor.

 

Christine Ulrich (epd)

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