Film und Filmgespräch: Being There – Da Sein

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Im ausverkauften Monopol-Kino zeigte Thomas Lüchinger am 5.12 seinen Dokumentarfilm „Being There – Da Sein”. Er porträtiert Menschen aus vier Kulturen, die Sterbende auf ihrem Weg begleiten: Sonam, Ron, Elisabeth und Alcio. Sie leben im Nepal, in den USA, in der Schweiz und in Brasilien. Der Film ist ihnen und all jenen Menschen gewidmet, die andere in der letzten Phase ihres Lebens begleiten. Obwohl alle vier Sterbebegleiter von ihren individuellen Geschichten, Schmerzen und Fragen geprägt sind, versucht Lüchinger zu zeigen, was ihnen und ihren Erfahrungen gemeinsam ist.
Begleiter, Begleiterin sind Menschen, die ihre eigenen Lebensthemen, Verletzungen und Projektionen gut kennen. Das erlaubt ihnen, eine Haltung des Da Seins mit den Sterbenden zu praktizieren. Da sein bedeutet, auf die Bedürfnisse der Sterbenden einzugehen, ihre Autonomie zu wahren und Raum zu geben für alle Gefühle, die im Prozess des oft langen Abschiednehmens aufkommen. Es ist dieses einfache Da Sein ohne Wertung, ohne Drängen, das die Angst vor dem Tod, wenn schon nicht nimmt, dann doch zumindest lindert.

Im Verlauf des Films wurde klar, dass man das nur dann verwirklichen kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Ansonsten versucht man, die eigenen Probleme am andern zu lösen. Der Entwicklungsweg aller vier Protagonisten hat spirituelle Elemente. Der Psychiater Alcio, dessen Frau jung gestorben ist, praktiziert Zen, Ron, der sich seines extrem gewalttätigen Vaters wegen als ein „verlorenes Kind“ beschreibt, fand mit einem spirituellen Lehrer in der amerikanischen Wüste zurück ins Leben, Elisabeth, die Schweizer Lehrerin, gab nach einem mustergültigen Lebensweg, der aber in den Burnout führte, die Schule auf und fand mit Psychotherapie zu einer neuen Sinnerfüllung. Am selbstverständlichsten verbinden sich Spiritualität und Alltagskultur bei Sonam im Sterbehospiz in Nepal. Die Spiritualität der Protagonisten leiht der Beschreibung dessen, was sie im Da Sein für ihre Patienten tun, eine je eigene Sprache.
Die Arbeit am Übergang des Lebens in den Tod macht realistisch und demütig. Die Prioritäten ändern sich, man lernt zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Fast paradox: Man lernt an dieser Schwelle zu leben. Das verdeutlichen die Figuren des Films auf eine sehr authentische Weise.
Bei der Vorführung im Saal saßen viele SterbebegleiterInnen. Katharina Rizzi, die Gründerin des Münchner Hospizdienstes DaSein, der zufällig (?) so heißt wie der Film, sprach mit dem Regisseur Thomas Lüchinger und der Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, Jutta Höcht-Stöhr, nach der Vorführung über die Bedeutung dieses Themas für unsere Gesellschaft, die immer mehr altert und in der das Sterben sich oft außerhalb der Familie vollzieht. Die Kurse zur Ausbildung zur Sterbebegleiterin, zum Sterbebegleiter sind gefragt, die nächsten schon voll. Man kann diese Tätigkeit durchaus mit einer Kunst vergleichen, einer Lebenskunst oder auch – mit dem mittelalterlichen Begriff – einer neuen „Ars Moriendi“ (Kunst zu sterben).

Nächste Veranstaltung der Evangelischen Stadtakademie mit dem Hospizdienst DaSein (Beratung und ambulante Palliativversorgung in München)

Wie leben und sterben zusammengehören
Einüben ins Endliche
Sonntag, 14.01.2018
9:30 – 17:30 Uhr
Ort: Evangelische Stadtakademie München, Herzog-Wilhelm-Str. 24, 80331 München
Anmeldung: 089 549 02 70

Von links nach rechts: Elisabeth, Sonam, Ron, Alcio

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