Anselm Kiefer. Kunst trifft Text. Seminar in der Pinakothek der Moderne

Sand aus den Urnen

Wie inspirierend die Verbindung zwischen Philosophie und Kunst sein kann, zeigten Prof. Dr. Katharina Ceming und Dr. Sabine Stötzer am 3.2.2019 im Rahmen ihres Seminars „Anselm Kiefer. Kunst trifft Text“. 

Bedeutung des Judentums für das Werk Kiefers

Die neue Pinakothek beherbergt seit 2017 fünf Arbeiten von Kiefer. Dies war der Anlass, sich näher mit diesem bedeutenden deutschen Künstler zu beschäftigen. Drei seiner Werke standen im Zentrum des Seminars. Angestoßen von Impulsen, die Sabine Stötzer den Teilnehmern zu den Bildern mitgab, entwickelte sich eine angeregte Diskussion über das Bild „Sand aus den Urnen. Für Paul Celan“. Dieses stark strukturierte, mit Erdfarben gestaltete großformatige Gemälde ist vielschichtig; die Strukturen erinnern an einen jüdischen Friedhof. „Sand aus den Urnen” war der Titel des ersten Gedichtbandes Paul Celans, den er 1948 als Überlebender des Holocaust veröffentlichte. Trotz Adornos Diktum, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, fand er zu einer neuen Sprache der Lyrik.

Sand aus den Urnen. Für Paul Celan

Auch die Installation „Zwölf Stämme“, die aus zwölf Sonnenblumen besteht, zeigt Kiefers Auseinandersetzung mit dem Judentum. Die mit Blei überzogenen Sonnenblumen, die von oben nach unten wachsen, tragen die Namen der zwölf Stämme Israels. Sind auf der einen Seite Verlorenheit und Zerstörung in der Installation greifbar, so scheint die eine, mit Gold überzogene Sonnenblume mit dem Namen „Juda“ das Überleben des jüdischen Volkes zu symbolisieren. 

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands fand bereits 1969 in Kiefers Abschlussarbeit an der Kunstakademie ihren Ausdruck. Kiefer gestaltete eine ganze Serie von Fotografien, die ihn mit Hitlergruß im Wehrmachtsmantel seines Vaters an verschiedenen Orten in Europa zeigen. Zwei dieser Bilder mit dem Titel „Occupations“ – „Besetzungen“, die er 2011 neu gestaltete, hängen in der Pinakothek der Moderne. Das ursprüngliche Foto wirkt in der Neufassung wie von Blei gerahmt und ist von Verätzungsspuren überzogen. Die Arbeit in ihrer ursprünglichen Form und ihrer Neugestaltung konfrontiert zugleich mit der Verdrängung  der NS-Geschichte in den 60er Jahren sowie mit dem neuen Erstarken des Rechtextremismus heute.

Kompetent moderierte Sabine Stötzer die vielen Beiträge und verortete sie in einem historischen und kunstgeschichtlichen Rahmen.

Das Seminar vor dem Bild „Occupations“

Bezüge zum Existenzialismus

Der Bezug zur Philosophie zeigte sich dann am Nachmittag in den Räumen der Markuskirche, wo das Seminar nach der Mittagspause fortgesetzt wurde. Da Anselm Kiefer sich selbst intensiv mit unterschiedlichen philosophischen Strömungen wie dem Existenzialismus, der jüdischen Mystik oder der Lyrik Celans und Bachmanns beschäftigte, war es naheliegend, diese geistesgeschichtlichen Bezüge zum Verständnis seines Werks heranzuziehen. Katharina Ceming „las“ das Selbstbildnis Kiefers in „Occupations“ unter anderem auf der Folie der Existenzphilosophie: ihr zufolge ist der Mensch in eine Welt geworfen, die nicht von ihm gemacht wurde, wohl aber von anderen, die vor ihm da waren. Er muss sich entscheiden, was und wer er sein will, und auch für die kommenden Generationen durch sein Handeln im Jetzt Verantwortung übernehmen. Diese Verantwortung setzt geschichtliches Wissen voraus. Freiheit und Verantwortung, zwei zentrale Gedanken des Existenzialismus, spiegeln sich auch in Kiefers Schaffen. In seinem Werk „Occupations“ stellte sich Kiefer dieser Verantwortung, indem er sich selbst – ein Kind der Nachkriegszeit – als Nazi inszenierte, um Deutschland zu sagen: seht her, meine Familie ist meine Geschichte, und es könnte wieder passieren, wenn man die Angst walten lässt und die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime dem rechten Lager überlässt. 

Das Licht der Kabbalah

Der Baum des Lebens, ein Symbol für die Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen nach Isaak Luria

Eine der erstaunlichen Erkenntnisse des Seminars war die tiefe Verbindungen Kiefers zur jüdischen Mystik, der Kabbalah. Besonders wichtig, so Katharina Ceming, ist die Vorstellung eines schaffenden Gottes, der – weil er alles ist – erstmal einen Platz in sich schaffen musste, um der Schöpfung Raum zu geben. Diese Idee des göttlichen Rückzugs mit dem Namen ZimZum wurde von Isaak Luria, einem Kabbalisten des 16. Jahrhunderts,  entwickelt, den Kiefer durch die Vermittlung des großen jüdischen Gelehrten Gershom Scholem kennenlernte. Der Schöpfungsmythos Lurias nimmt folgenden Verlauf: Als die göttliche Kraft sich in Verhältnissen und Zahlen, den sogenannten Sefiroth manifestiert, kommt es zu einer Katastrophe. Denn die Sefiroth, die in Gestalt von „Gefäßen“ das ausströmende göttliche Licht auffangen sollen, zerbrechen. Ein Bruch in der Schöpfung, der die Dunkelheit in der menschlichen Geschichte zu erklären versucht. Der Mensch ist jedoch angesichts dieser kosmischen Katastrophe nicht zur Passivität verurteilt: Indem er die Verhältnisse und Zusammenhänge in der Welt erkennt, kann er die Welt wieder ein Stück weit heilen. Der Sefiroth-Baum sowie das Thema „Bruch der Gefäße“ finden sich häufig im jüngeren Werk von Anselm Kiefer. 

Ohne die philosophischen und kulturgeschichtlichen Hintergründe sind seine Arbeiten kaum zu „entschlüsseln“. So leitete das Seminar zum tieferen Verstehen dieses wichtigen Künstlers an, was man an begeisterten Rückmeldungen der Teilnehmenden deutlich wahrnehmen konnte.

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